Ausschnitt aus: Eisbeben - lieferbar!

Jetzt bestellen: Eisbeben

Manhattan. Halb acht Uhr abends. Altweibersommer. So warm dürfte es Ende September eigentlich nicht mehr sein, aber ich schwitze in meinem T-Shirt, als ich durch die Abenddämmerung laufe und plötzlich dieses kalte Kribbeln im Nacken spüre. Jemand beobachtet mich. Jetzt. Hier. Aus nächster Nähe.

Genug Satzfragmente? Meine Englischlehrerin hält den fragmentarischen Stil für einen Schwachpunkt von mir. Aber das ist schon mehr als ein Jahr her, als ich im letzten Schuljahr an der Hadley Highschool war und noch ein relativ normales Leben geführt habe.

Jetzt bin ich nicht mehr in Hadley und ich kann auch nie mehr dorthin zurück. Zu viel ist seitdem geschehen. Das Feuerquell-Abenteuer zur Rettung der Weltmeere ist vorbei, die Wirbelsturm-Reise an den Amazonas beendet. Ich bin ein Jahr älter geworden. Und hoffentlich ein bisschen klüger. Aber Satzfragmente mag ich noch immer. Sie machen Tempo. Wenn du auf Tempo stehst, bist du hier richtig. Wenn du’s gern gruselig hast, rühr dich nicht vom Fleck.

Wieder dieses Kribbeln. Schaue mich rasch um. Ein schlaksiger Kerl in engen Sportklamotten kontrolliert mit seiner schicken Stoppuhr seine Rundenzeit. Ein süßes rothaariges Mädchen trippelt in der Gegenrichtung vorbei, ganz in ihre Musik versunken, und alle anderen Läufer drehen sich nach ihr um. Eine vierköpfige Familie joggt paarweise, Mutter mit Sohn, Vater mit Tochter. Sie sehen alle irgendwie seltsam aus.

Aber schließlich sind wir in Manhattan. An so einem warmen Herbstabend gehen Hunderte von Leuten im Park ihren trendigen Großstadt-Aktivitäten nach und mustern einander dabei verstohlen.

Gerade deswegen bin ich hier. In New York, dachte ich mir, kann ich untertauchen und neu anfangen. Mich häuten. Mich ins Gewühl stürzen. In den riesigen Schmelztiegel.

Hab einen Job am Bau. Treffe mich oft mit P.J., die im ersten Semester am Barnard College studiert. An manchen Tagen arbeite ich fünfzehn Stunden, ohne dass mich irgendjemand beachten würde, und dann glaube ich beinahe, auch ich könnte ein halbwegs normales Leben führen.

Aber dann gibt es Momente wie diesen, wo mir klar wird, dass ich mir was vormache.

Ich drehe mich einmal um die eigene Achse und suche nach verräterischen Anzeichen. Keine hünenhaften Cyborgs. Keine Fledermauswesen. Niemand, der meinem Blick ausweicht.

Möglicherweise ein falscher Alarm. Vielleicht bin ich paranoid. Wenn ich nicht tief im Inneren wüsste, dass ich recht habe.

Ich kann zwar nicht ausmachen, wer mich beobachtet, aber dass da jemand ist, steht außer Zweifel.

Ich habe nur zwei Möglichkeiten, von denen mir keine besonders gefällt. Entweder abwarten, bis die Gegenseite den ersten Schritt tut. Oder versuchen, wegzulaufen.

Ich ziehe das Tempo an, während sich Dunkelheit über den See herabsenkt. Außerhalb des Parks funkeln die Lichter der Central Park West und der Fifth Avenue. Ein urbanes Sternengesprenkel umrahmt eine Oase aus dunklem, gekräuseltem Wasser. Ich habe was von der Welt gesehen. Bin tief im Meer zu einem jungfräulichen Tiefseeberg geschwommen. Habe das verborgene Tal des Amazonas entdeckt. Aber der Zauber eines Abends in Manhattan kann mich immer noch in seinen Bann ziehen.

Ich renne jetzt ziemlich schnell. Überhole Leute. Pumpende Armbewegungen. Keiner kann mit mir mithalten. Ist aber auch nicht unbedingt nötig.

Denn wer immer mich beobachtet, tut dies möglicherweise von einem festen Platz aus. Schaut mir etwa von einer Bank aus beim Rundendrehen zu. Oder von einer Wohnung hoch über dem Park – wie die Gormfrau, die mich in ihrem Penthouse in die Falle gelockt hat - und behält mich vom Fenster aus mit einem Nachtsichtgerät im Auge. Es könnte auch ein Kind sein oder ein Vogelroboter oder ein als Eichhörnchen getarnter Gestaltwandler.

Das erste Mal habe ich dieses Kribbeln vor einer Woche gespürt, bei P.J.s Dinnerparty. Ich muss zugeben, dass ich ohnehin schon etwas nervös war.

Nett von ihr, mich einzuladen, aber ich habe nicht dazugepasst. P.J.s neue Freunde. College-Typen. Ein Dutzend Erstsemester von der Columbia-Universität und dem Barnard College. Kichern über einen charmanten Anthropologie-Professor mit endlosen schrulligen Anekdoten und beklagen sich über den schwierigen Laborkurs in Chemie. Vergleichen Lektürelisten und Hausarbeiten. Testen ihr neues Vokabular, ihre neuen Frisuren und ihre neue Identität als Studenten.

Hier ist nur ein einziger Blödmann, der nicht studiert. Nicht mal die Highschool abgeschlossen hat. Freut mich, dich kennenzulernen, Jack. Was machst du? Echt, du arbeitest auf dem Bau? Woher kennst du P.J.? Von der Highschool? Na ja, war nett, mit dir zu reden.

Wir essen im Garten eines griechischen Restaurants im Zentrum. Ich versuche mir nicht anmerken zu lassen, dass ich mich als vollkommener Außenseiter fühle. Plaudert ihr nur. Werft euch in Pose. Ereifert euch. Ich lasse mir jetzt einfach dieses Souvlaki schmecken.

Höflich höre ich zu, während ich mit meinen von harter Arbeit schwieligen Händen die Lammfleischstücke vom Spieß löse. Der Physik-Crack neben mir schielt immer wieder heimlich auf meinen fehlenden kleinen Finger. Willst du wissen, wie mir der abhanden gekommen ist, Einstein? Ein Fiesling namens Dargon hat ihn mir auf einem Schleppnetztrawler abgeschnitten, während mich seine Handlanger festhielten. Aber kümmere dich nicht um mich. Mach dich lieber weiter über das Stottern deines Lehrassistenten für Vektoralgebra lustig. Ich hänge an deinen Lippen.

P.J. lässt sich nicht täuschen. Sie beobachtet mich. Ich grinse ihr lässig zu, sie lächelt zurück. Okay, du Lacrosse-Star aus der Privatschule. Erzähl ihr ruhig von dem Anwesen deiner Familie in den Hamptons. Sie wird dir zuhören und nicken, aber ich bin derjenige, mit dem sie heute Abend nach Hause geht. Ich werde mit ihr im Lift zu ihrem Wohnheimzimmer hinauffahren. Und ich werde mit ihr an ihren drei Mitbewohnerinnen im Gemeinschaftsraum vorbei zu ihrem winzigen, mit Büchern vollgestopften Schlafzimmer spazieren.

Und weißt du was? Du magst schicke Klamotten haben, auf coolen Privatschulen gewesen sein und ein sündteures Sommerhaus besitzen, aber ich werde sie in den Arm nehmen, werde sie auf ihre weichen, warmen Lippen küssen und ihr sagen, dass ich sie liebe.

Nur dass sie sich unverkennbar für dieses Anwesen in Bridgehampton zu interessieren scheint. Und der Lacrosse-Spieler ist clever genug, sich nicht allzu offensichtlich an sie heranzumachen, sondern die ganze Gruppe einzubeziehen. Kurzerhand wird dort eine Party geplant, ein ganz großes Ding mit Kostümen und Livemusik. Und ich stehe wohl kaum auf der Gästeliste.

Ich entschuldige mich und gehe zu den Toiletten. Noch zwanzig andere Tische im Garten. Gläserklirren. Besteckklappern. Und da spüre ich es.

Im Nacken. Das gleiche Gefühl, das man hat, wenn jemand mit den Fingernägeln über eine Tafel kratzt. Ich zucke zusammen und wirble herum.

Aber ich sehe nur Pärchen, die bei Kerzenschein Wein trinken und Zitronensuppe mit Hühnchen löffeln. Außerdem ein paar größere Gruppen, die sich an Platten mit gefüllten Weinblättern bedienen und fröhlich schwatzend Lammkoteletts verzehren.

Ich stürme nach drinnen und checke die Bar, die Kellner und das Küchenpersonal. Alle sind mit Tellern, Tabletts und Gläsern zugange. “Die Toiletten sind dort unten, Sir”, erklärt mir ein Kellner, der mein Unbehagen falsch deutet.

Sekunden später bin ich in der Toilette, spritze mir kaltes Wasser ins Gesicht und versuche, mich zu beruhigen. Denn mit diesem Albtraum muss ich leben. Dass sie mich wieder finden werden. Mich zur Strecke bringen. Die alten Wunden wieder aufreißen.

Und jetzt ist tatsächlich es so weit.

Ich wusste es schon bei der Dinnerparty, als ich im Hof des griechischen Restaurants stand. Natürlich versuchte ich, mir einzureden, es hätte mich nur ein kühler Luftzug im Nacken gestreift. Doch als ich in der Toilette mein Spiegelbild betrachtete, wusste ich, dass sie mich gefunden hatten und es wieder von vorne anfing.

Zwei Tage später, als ich, mit Helm und Werkzeuggurt ausgerüstet, auf der Baustelle in luftigen Höhen auf einen Träger hinausging, wurde es für mich noch mehr zur Gewissheit. Dort oben konnte ich es mir nicht erlauben zu zittern, aber ich fühlte wieder dieses kalte Kribbeln. Unter mir ganz Manhattan. Dutzende von Bürogebäuden. Jeder hätte mich dort beobachten können.

Jetzt, im Central Park, bin ich daher nicht mehr sonderlich überrascht. Es ist ja bereits das dritte Mal. Hat keinen Zweck, sich länger etwas vorzumachen. Ich setze für die letzten paar hundert Meter zu einem Sprint an, und während ich förmlich dahinfliege, zwinge ich mich, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Muss schnell handeln. Mir freinehmen. Eine Zeit lang aus der Stadt verschwinden. Vielleicht auch eine Waffe besorgen. Und was das Schwierigste ist: Ich muss es P.J. sagen.

Sie ist so glücklich, am Barnard studieren und wieder ein normales Leben führen zu können. Ihren Eltern hat sie nie erzählt, was nach ihrem Verschwinden aus Hadley geschehen ist. Sie hat Gedächtnisschwund vorgetäuscht. Sie haben sie zu Psychologen und Spezialisten geschickt, aber schließlich gaben sie es auf und waren einfach froh, sie wiederzuhaben.

Nun findet sie allmählich wieder Freude am Leben. Schließt neue Freundschaften. Belegt Kurse. Glänzt im Kunstunterricht. Besucht Galerien. Fährt an den Wochenenden zu ihren Eltern heim.

Allerdings ist mir auch aufgefallen, dass sie nicht mehr über unsere Erlebnisse am Amazonas spricht. Wenn ich davon anfange, nickt sie zwar und murmelt ein paar Worte. Aber sie schneidet das Thema nie von sich aus an. Sie hat das alles hinter sich gelassen. Einen Schlussstrich gezogen.

Sie wird nicht begeistert sein zu hören, dass es noch immer nicht ausgestanden ist. Dass es vielleicht nie zu Ende sein wird. Aber ich habe keine Wahl. Denn die Dunkle Armee hat sie schon einmal entführt. Möglicherweise versuchen sie es wieder. Sie steckt jetzt mit drin. Wenn sie mich gefunden haben, wissen sie wahrscheinlich auch, dass sie da ist, also muss sie auf der Hut sein.

Ich beende meine fünfzehn Kilometer und verlasse schwer atmend den Park. Normalerweise genieße ich dieses Gefühl nach einem guten Lauf, wenn das Blut durch den Körper rauscht, das feuchte T-Shirt an Brust und Rücken klebt und man die Abendbrise spürt. Aber mir graut vor dem Gespräch mit P.J. Ich sehe schon ihren Gesichtsausdruck vor mir, wenn ich ihr davon erzähle. Nein, Jack. Bitte hör auf damit.

Aber mir bleibt nichts anderes übrig. Kein Aufschub möglich. Muss es ihr sagen. Heute Abend. Um neun, wenn sie von der Bibliothek zurückkommt. Wenn ich sie nicht warne und ihr etwas zustößt, werde ich mir das nie verzeihen.

Statt zu meinem eigenen kleinen Zimmer zu laufen, jogge ich also zum Broadway und stadtauswärts Richtung Barnard.

Tags: , , , ,

Einen Kommentar schreiben